Ende Mai 1626 ergriffen die Truppen der Katholischen Liga wieder die Initiative und griffen in den Raum zwischen Weser und Leine aus; insbesondere die drei Städte Göttingen, Northeim und Münden standen im Fokus. Sie waren allesamt noch unbezwungen, insbesondere die letztere von den dreien hatte sich vor Wochen schon als rebellisch erwiesen1: Gegen sie rückte Tilly zuerst vor.
Am 6. Juni 1626 kamen seine Truppen vor Münden an. Eine erste Aufforderung zur Übergabe wurde abgewiesen, worauf die förmliche Belagerung begann. Tilly ließ die Stadt beschießen, forderte sie aber parallel zur Kapitulation auf, insgesamt drei Mal. Als dies nichts fruchtete, verstärkten die Belagerer das Bombardement, um die Befestigung sturmreif zu schießen. Am 9. Juni 1626 war es dann soweit, daß zwei Regimenter durch entsprechende Breschen in die Stadt eindrangen. Die Verteidiger gaben aber nicht auf, so daß es zu einem Blutbad kam, in dem sämtliche Soldaten der Stadt, dazu aber auch der überwiegende Teil der Stadtbewohner selbst zu Tode kam. Da in diesem Jahr nach altem Kalender diese Ereignisse auf Pfingsten fielen, sprachen schon die Zeitgenossen von einem „Blutpfingsten“.
Das Ereignis fand auch großen Widerhall in der Publizistik2. Ein ausführlicher Bericht erschien zudem bei Gregor Wintermonat3, der durchaus detailreich die einzelnen Abschnitte des Kampfes um Münden berichtete.
Seine Darstellung stellte die Bemühungen Tillys für einen glimpflichen Ausgang dar, denn der Feldherr bot „billige / vnd leidliche conditiones“ für die Übergabe an. Es war der Oberst Glott[en], der die Angebote ausschlug, stattdenn „bis in den Todt ritterlich zufechten“ sich entschloß. Damit nahm er freilich auch den Untergang und den Tod der Mündener Bevölkerung und vieler Bauersleute, die in die Stadt geflüchtet waren, mit in Kauf. Ein Grund Glotts Weigerung, einen Akkord für die Stadt anzunehmen, lag nicht zuletzt – auch dies berichtete Wintermonat – in der Tatsache, daß er vier Jahre zuvor im Regiment Anholt gedient, dann aber zum König von Dänemark übergelaufen war: als Deserteur, der sich gegen den Kaiser stellte, hatte er kaum auf Gnade zu hoffen. Tatsächlich wies er, als die Kämpfe bereits in der Stadt tobten und die Hoffnungslosigkeit der Situation offenbar wurde, seinen Leibjungen an, „mit einer Mußqueten jhm durchs Hertz zuschiessen“. Darauf war Wintermonats Bericht zufolge „das metzgen ehist recht angangen / vnd alles vollents niedergehawet worden / daß man an etlichen Orten bis an die Knöchel in Blut gangen“. Auch viele Frauen, die sich den Soldaten entgegenstellten „vnd jhre Männer zuretten vermeinet“, wurden dabei niedergemacht. Angeblich haben „nicht mehr vber neun pahr Eheleute“, die sich in Kellern verborgen hatten, das Gemetzel überlebt.
Dieses publizistische Zeugnis hebt sich in seiner Ausführlichkeit des Berichts von dem Rapport ab, den Generalleutnant Tilly nach München sandte. Nur einen Tag nach dem Sturm auf Münden lieferte er an Kurfürst Maximilian einen gedrängten Bericht, der vor allem die zählbaren Ergebnisse dieses Ereignisses zusammentrug4. Sehr gerafft berichtete der Feldherr, daß die „belägerten auf mein zueschreiben vnnd ermahnen zur Güetlichkheit nit schreitten wöllen“, er deswegen die Stadt „mit sturmender handt vnnd Gewallt“ genommen habe. Noch in der Stadt hätten sich die Soldaten, Bürger und das „heerein gewichene[.] Baursvolckh“ „grausamblichen gewöhret“, weswegen die Angreifer an die 100 Tote verloren hätten, weitere 300 seien „gequetscht vnnd beschädigt worden“. Die Verluste auf Mündener Seite kalkulierte er „beÿ dritthalb Taussent Persohnen“, führte dann noch die toten Offiziere auf. Wenn er nicht nur von fünf eroberten Fähnlein sprach, sondern von einem, das „ganz zue stückhen zerissen befunden worden“, war dies ein deutlicher Hinweis auf die Unerbittlichkeit der Kämpfe.
Das Schreiben des Feldherrn mag auf den ersten Blick emotionslos wirken: kein explizites Wort über das große Blutvergießen, das eben auch vor der Zivilbevölkerung nicht Halt machte. Aber Tilly wußte, daß er sich vor Maximilian von Bayern dafür nicht würde rechtfertigen müssen – hier zählte die militärische Notwendigkeit, der sein Handeln unterworfen war. Deswegen erwähnte Tilly auch zu Beginn der Schilderung die „mit dem feind gepflogene[.] vnnd durchgetribene[.] correspondenz“, durch die die Stadt sich gleich als offener Feind erwiesen hatte. Indem er der Stadt einen Akkord angeboten hatte, war kriegsrechtlich ausreichend, um danach einen Sturm zu rechtfertigen, auch mit den blutigen Konsequenzen für die Städter.
Allerdings scheint im Brief schon eine gewisse Fassungslosigkeit durch, wie hartnäckig diese Stadt sich verteidigt hat. Die Aufzählung der eigenen Verluste legte auch davon Zeugnis ab. Die Einnahme Mündens war ohne Zweifel ein militärischer Erfolg. Doch in seinem Bericht sprach Tilly an keiner Stelle von einem Sieg.
- Siehe dazu die Hinweise in: 3. Mai 1626: Die „Leibsschwachheit“ des Feldherrn. dk-blog. Abgerufen am 7. Juni 2026 von https://doi.org/10.58079/166b3 . [↩]
- Siehe das Flugblatt: Belagerung und Einnemung der Stadt Münden/ von der Käyserlichen Armada, unterm Herrn General, Grafen Tilli &c. Anno 1626. im Monat Junio vorgangen […], o.O. 1626, Permalink: http://diglib.hab.de/drucke/einbl-xb-fm-289/start.htm . [↩]
- Gregor Wintermonat, Continuatio XXIII. Der Zehenjährigen Historischen Relation/ Das ist: Warhafftige Beschreibung/ Aller gedenckwürdigen Historien/ Handlungen und Geschichten/ so seydhero des nechst verschienenen/ Leipzigischen OsterMarckt/ des 1626. biß auff jetzigen Michaelismarckt/ des 1626. Jahres/ hin und wider in der Welt […] sich zugetragen, Leipzig 1626, S. 27-30. [↩]
- Generalleutnant Tilly an Kurfürst Maximilian von Bayern, Münden 10. Juni 1626, Bay HStA Kurbayern Äußeres Archiv 2367 fol. 402-402‘ Ausf. [↩]
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Kaiser (9. Juni 2026). 9. Juni 1626: Tilly nimmt Münden ein. dk-blog. Abgerufen am 16. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16d61
